Teil 3 einer dreiteiligen Serie zur M&A-Dynamik in der Farben- und Lackindustrie. Teil 1 und 2 beleuchteten die großen Milliarden-Deals sowie die leisere Konsolidierung im Mittelstand.
Die Farben- und Lackindustrie: Bewertungen, Käufer und ein Warnsignal für Verkäufer
Marktlage: Konsolidierung trotz konjunktureller Schwäche
Wirtschaftlich bleibt die Lage der Branche angespannt. Laut VdL-Daten sank die Verkaufsmenge in Deutschland 2025 um 2,8 %, wobei Bautenfarben (-3,5 %), Pulverlacke (-5 %) und Druckfarben (-5 %) besonders betroffen waren. Lediglich Autoserienlacke und Korrosionsschutzlacke zeigten leichte Stabilisierungstendenzen, getragen von gestiegenen Infrastrukturinvestitionen und höheren Produktionszahlen in der Automobilbranche.
Dennoch zieht die M&A-Aktivität an. Dafür sorgen mehrere strukturelle Faktoren gleichzeitig. Der Kostendruck durch volatile Rohstoff- und Energiepreise erzeugt eine Skalierungsnotwendigkeit: Synergien im Einkauf, in Forschung und Entwicklung sowie in der Produktion rechnen sich erst ab einer bestimmten Unternehmensgröße. Große Konzerne treiben zugleich die Portfoliobereinigung voran und trennen sich von randständigen Aktivitäten wie BASF Coatings oder BASF Deko Brasilien, um Kapital gezielt in ihre Kernkompetenzen zu lenken.

Auf beiden Seiten prägt außerdem die geografische Expansion das Bild: Deutsche Mittelständler suchen Wachstum in Asien, während internationale Konzerne tiefer in die DACH-Region vordringen. Und nach Jahren der Zurückhaltung kehren Finanzinvestoren zurück, die insbesondere bei gut positionierten Nischenanbietern mit klarer Equity Story wieder Interesse zeigen.
Bewertungsniveaus: Was der Markt heute zahlt
Im Vergleich zum Rekordjahr 2021 haben sich die Bewertungen normalisiert, bewegen sich aber weiterhin auf hohem Niveau. Für große Transaktionen mit starker strategischer Logik werden EBITDA-Multiples zwischen 12x und 16x gezahlt, tendenziell unterhalb des Niveaus der Post-Covid-Sonderkonjunktur. Für herausragende Nischenanbieter sind deutlich höhere Multiples weiterhin erzielbar.
Zur Einordnung lohnt sich der Blick auf drei Referenzpunkte: die börsennotierte Peer-Group, die Transaktions-Multiples der jüngsten Großdeals und die Bandbreite im DACH-Mittelstand.
Quelle: LCO-Research auf Basis öffentlicher Jahresabschlüsse, Marktkapitalisierungen und Capital-IQ-Daten. Werte = Enterprise Value / EBITDA (LTM). Werte vor 2024 sind LCO-Schätzungen, ab Q3 2024 über MarketScreener und Capital IQ verifiziert. Peer-Set: Sherwin-Williams, PPG Industries, RPM International, Axalta Coating Systems, AkzoNobel, Nippon Paint und Kansai Paint.
Peer-Group
Die börsennotierten Branchengrößen AkzoNobel, Axalta, PPG, Sherwin-Williams, Nippon Paint, Kansai Paint und RPM handeln aktuell mit EV/EBITDA-Multiples von 7 bis 13x, im Median bei etwa 9x, und damit rund 20 % unter dem Zehnjahresdurchschnitt. Zinslast, Baukonjunktur und Rohstoff-Volatilität haben spürbare Spuren hinterlassen. Einzig Sherwin-Williams hält sein Premium-Niveau, getragen von konstanten Margen und einer starken vertikalen Integration.
Genau diese Bewertungs-Kompression treibt die aktuelle Konsolidierungswelle an, da Strategen und Finanzinvestoren das niedrige Niveau gezielt nutzen. Carlyle zahlt für BASF Coatings 7,7 Milliarden Euro Unternehmenswert bei rund 3,8 Milliarden Euro Umsatz, was etwa dem 2,0-fachen Umsatz und einem geschätzten EBITDA-Multiple von 12 bis 13x entspricht, ein klarer Aufschlag gegenüber dem aktuellen Niveau der börsennotierten Vergleichsunternehmen, jedoch weiterhin unterhalb der rund 15x, die in den Boomjahren 2020/21 für vergleichbare Carve-outs bezahlt wurden. Der Verkauf von Stahl an Henkel wiederum entspricht bei 2,1 Milliarden Euro Unternehmenswert auf 725 Millionen Euro Umsatz dem 2,9-fachen Umsatz; bei einer kommunizierten EBITDA-Marge von über 20 % ergibt sich daraus ein EV/EBITDA von rund 14 bis 15x. Dieses hohe Bewertungsniveau spiegelt Stahls Positionierung als reiner Spezialitätenanbieter ohne Mengengeschäft und seine Weltmarktführerschaft bei Beschichtungen für flexible Materialien wie Leder, Papier, Folien und Verpackungen wider. Enge Freigabeprozesse, hohe Wechselkosten und stabile Margen spielen für diese Bewertung eine zentrale Rolle.
Mittelstand DACH
Spezialisten in den Bereichen Industrie-Coatings, Pulverlack, Marine oder funktionale Beschichtungen werden mit 7 bis 10x EBITDA bewertet. Hidden Champions mit hohem wiederkehrenden Umsatzanteil und einem ausgereiften ESG-Profil erzielen in kompetitiven Auktionen bis zu 12x. Bei Commodity-Bautenfarben und Standard-Druckfarben liegt die Bandbreite bei 4 bis 6x, während Distressed-Fälle wie Mocopinus lediglich zum Liquidationswert wechseln.
Bewertungsaufschläge und ihre Treiber
Strategische Investoren zahlen üblicherweise 1 bis 2x mehr auf das EBITDA als Finanzinvestoren, in kompetitiven Auktionen kommen mitunter weitere 1 bis 1,5x an Aufschlag hinzu. Zwischen einem stillen und einem kompetitiven Verkaufsprozess liegt die Erlösdifferenz damit bei 25 bis 35 %. Besonders honoriert werden aktuell wiederkehrende OEM-Umsätze, eine eigene Bindemittel- oder Harzproduktion, ein zukunftsfähiges Bio- beziehungsweise Hydro-Portfolio sowie eine sichtbare Führungsposition im jeweiligen Sub-Segment.
Das anhaltend hohe Zinsniveau und operative Belastungsfaktoren wie Rohstoff-Volatilität, schwache Baukonjunktur und Refinanzierungsdruck sprechen gegen eine breite Erholung der Multiples im Branchendurchschnitt. Klar positionierte Spezialisten mit erkennbarer Differenzierung, hohem wiederkehrenden Umsatzanteil und stabiler Marge bleiben dagegen mit Premium-Multiples bewertet. Die Bewertungsspreizung innerhalb der Peer-Group dürfte sich damit eher vergrößern als verringern.
Wie sich diese Bewertungsspannen auf Ihr eigenes Unternehmen übertragen lassen, zeigen wir Ihnen gerne in einer indikativen Einschätzung, speziell für mittelständische Farben- und Lackunternehmen.
Aktive Käufer in der DACH-Region: Wer kauft wen?
Das Käuferspektrum hat sich deutlich verbreitert. Neben den bekannten internationalen Strategen treten zunehmend neue Akteure auf den Plan.
Die internationalen Konzerne aus den USA, Japan und Europa, darunter PPG, Sherwin-Williams, AkzoNobel, Nippon Paint und Kansai Paint, bleiben weiterhin aktiv am Markt. Kansai Paint baut über die slowenische Plattform Kansai Helios die mit Abstand aktivste Akquisitionsstrecke im DACH-Mittelstand der Branche auf, während der letztlich gescheiterte Gegenangriff von Nippon Paint und Sherwin-Williams auf AkzoNobel zeigt, dass der Konsolidierungswille auch auf höchster Ebene ungebrochen ist.
Deutsche Mittelständler mit globaler Ambition wie MIPA, Remmers, Peter Lacke und Siegwerk kaufen gezielt Kompetenzen oder geografische Reichweite hinzu, ohne dabei ihre Unabhängigkeit aufzugeben.
Finanzinvestoren mit ausgewiesener Sektorexpertise, etwa Carlyle/QIA bei BASF Coatings, Fidelium Partners bei JWO oder IK Investment Partners bei der Blanchon Group, zeigen, dass PE-Häuser mit tiefem Branchenverständnis auch in einem herausfordernden Umfeld überzeugende Renditen erwirtschaften können.
Hinzu kommen neue Käufer aus dem Nahen Osten und aus Asien: Die Beteiligung der Qatar Investment Authority an BASF Coatings steht beispielhaft für ein wachsendes Interesse staatlicher Fonds an europäischen Industriejuwelen.
Strukturell gilt der Bereich Architekturfarben bereits als weitgehend konsolidiert. Im Segment Industrielacke, insbesondere bei Korrosionsschutz, Holzlacken und Spezialbeschichtungen, besteht dagegen noch erhebliches Konsolidierungspotenzial. Hier dürften in den kommenden Jahren die meisten weiteren Transaktionen stattfinden.
Wenn M&A scheitert: Der Fall Mocopinus
Das 160 Jahre alte Traditionsunternehmen Mocopinus aus Ulm, spezialisiert auf Vollholzprofile und Holzbeschichtungen, musste im März 2026 sämtliche Standorte schließen. 270 Mitarbeitende verloren dabei ihre Stelle. Trotz intensiver Verkaufsbemühungen fand sich kein tragfähiger Käufer, wenngleich Lignum-Finish aus Aitrach über laufende Investorengespräche möglicherweise separat fortbestehen kann.
Der Fall Mocopinus veranschaulicht die strategische Realität hinter der oben beschriebenen Bewertungsbandbreite: Ein Standard-Bauten-Holz-Mittelständler ohne eigene Spezialitätennische, ohne überregionalen Markenanker und in einem strukturell schrumpfenden Endmarkt findet auch in einem aktiven M&A-Umfeld keinen zahlungsfähigen Bieter mehr.
Wer dagegen technologisch vorangeht, sich in einer Spezialnische behauptet und mit einer klaren Marken- und Vertriebsposition auftritt, stößt auch im gegenwärtigen Marktumfeld auf großes Käuferinteresse.
Fazit: Die nächste Konsolidierungswelle hat begonnen
Der M&A-Markt der Farben- und Lackindustrie steht an einem Wendepunkt. Die strategische Neuausrichtung der Branchengrößen, der wachsende Druck auf den Mittelstand und die Rückkehr der Finanzinvestoren ergeben zusammen, trotz oder gerade wegen der konjunkturellen Schwäche, ein außergewöhnlich dynamisches Transaktionsumfeld.
Für Eigentümer mittelständischer Unternehmen in der DACH-Region bedeutet das: Das Interesse potenzieller Käufer bleibt hoch und ist strukturell verankert, während sich die Bewertungen auf einem Niveau befinden, das attraktive Erlöse ermöglicht. Gleichzeitig wächst der Wettbewerbsdruck durch global expandierende Player, die über Zukäufe gezielt Marktanteile gewinnen.
Die nächste Konsolidierungswelle ist damit keine zyklische Erscheinung, sondern strukturell getragen, von regulatorischem Substitutionsdruck, der Logik vertikaler Integration und der Rückkehr disziplinierter PE-Käufer mit Sektorerfahrung. Wer mit sauberen Zahlen, einer klaren Equity Story und einer differenzierten Sub-Segment-Position antritt, kann die in dieser Marktphase erzielbaren Premium-Multiples auch tatsächlich realisieren. Der Unterschied zwischen einem gut vorbereiteten und einem improvisierten Prozess ist gerade so groß wie selten zuvor. Ob als Käufer, Verkäufer oder Fusionspartner: Die nächste Konsolidierungswelle hat begonnen. Wer vorbereitet ist, wird davon profitieren.









